Interview: "In der Sprache hat meine Seele Heimat gefunden"

Ranuga - Begegnungsfreizeit in der Ukraine 2007
Bildrechte: Esther Schmidt

Interview mit Esther Schmidt, Diakonin in Neustadt a. d Aisch, die von 2005-2007 in der Ukraine und auf der Krim tätig war und am 11. März bei einem Hilfskonvoi an die ukrainisch-polinische Grenze als Übersetzerin tätig war. Von Heidi Wolfsgruber

Liebe Esther, Du warst von 2005-2007 in der Ukraine und auf der Krim als Diakonin tätig. Von was war Deine Zeit dort geprägt?

Zuerst ging es mal ans Sprache lernen für 4 Wochen in Bochum und dann noch für einen Monat in Odessa. Auf der Krim spricht man Russisch und auch sonst in der Ukraine wird viel Russisch in den Familien gesprochen. Durch die Partnerschaft zwischen der Bay. Landeskirche und der Deutschen evangelischen Kirche in der Ukraine (DELKU) gibt es einen regelmäßigen Austausch. Allerdings gibt es dort keine Frauenordination. Ich hatte als Diakonin -  neben der Begleitung der Gemeinden auf der Krim – einen Teilauftrag für die Kinder- und Jugendarbeit in der Ukraine. Dort habe ich regionale Kinderkirchentage z.B. in Kiew organisiert oder Fortbildungen für jugendliche Mitarbeiter*innen. Mein Sommer war also geprägt von vielen Freizeiten, aber auch von Begegnungen mit Deutschen. Denn die Kirche dort ist auch Ansprechpartnerin für Gruppen aus Deutschland wie beispielsweise vom CVJM; EJB, Bauernverband oder der Kriegsgräberfürsorge, aber auch Privatpersonen. Viele Soldatenfriedhöfe wurden damals neu errichtet, zudem gab es viele Reisende, die auch ganz konkret auf der Suche nach dem Grab eines gefallenen Angehörigen waren.

Ist Dir die Ukraine dabei zur Heimat geworden?

Als Deutsche habe ich nie Anfeindungen erlebt, obwohl viele Ukrainer im zweiten Weltkrieg gefallen sind. Wenn ich auf Russisch gesagt habe, dass ich „Deutsche“ bin, dann dachten alle immer zuerst, ich bin Russlanddeutsche. Ich musste dann korrigieren: Nein, ich bin eine „reine“ Deutsche. Das hat sich immer sehr ambivalent für mich angefühlt, weil bei diesem russischen Wort die Nazi-Vergangenheit von Deutschland irgendwie mitschwingt.

Doch die Menschen dort haben es mir leicht gemacht, mich heimisch zu fühlen. Dazu die sehr schöne Natur, die mediterran geprägte Krim mit Bergen und Meer, in dem man von Frühjahr bis Herbst baden kann, die Schönheit des ganzen Landes, der Menschen -und auch der Sprache. Ich mag die russische Sprache einfach, ihre "Blumigkeit". Ja, auch in der Sprache hat meine Seele Heimat gefunden.

Du warst mit dabei bei einem Hilfskonvoi aus Markt Erlbach und Neustadt, der am 11. März an der polnisch-ukrainischen Grenze geflüchtete Menschen abgeholt hat. Wie hast Du das erlebt?

Als wir uns vor Ort angeboten haben, Menschen aus der Ukraine mit zu uns nach Hause zu nehmen, war da auch viel Unsicherheit. Es ging Angst um vor Menschenhändlern. Doch dank meiner Russischkenntnisse konnte ich hier gut vermitteln und Unsicherheiten nehmen. Es gab natürlich ganz viele Fragen: Wohin nehmen die uns mit? Wäre es nicht besser, in eine große Stadt zu fahren, wo man dann auch Arbeit findet? Wie weit ist dieses Neustadt weg? Viele Ukrainer*innen wollen ja wieder zurück und deshalb lieber in der Nähe der Ukraine bleiben.

Ich habe ganz deutlich gespürt, wie viel Unsicherheit und auch Verwirrung da war. Niemand hat mit diesem Krieg gerechnet. Alle waren unendlich müde. Die Rückfahrt verlief daher sehr ruhig. Als wir dann in Neustadt nach Mitternacht ankamen wurden wir liebevoll im Gemeindehaus empfangen. Dann ging alles sehr schnell. Die Gastfamilien wurden kontaktiert und haben die verschiedenen Familien mitgenommen.

Als ich später noch mit der einen ukrainischen Familie, die mit dem eigenen Auto an der Grenze zu Polen gestrandet war, Kontakt hatte, kam die ganze Anspannung und alle Emotionen raus und wir haben alle geweint. Auf Russisch haben mir Mutter und Tochter erzählt, wie es zuhause ist, dass sie ein Haus und Garten haben, dass der Mann sie an der Grenze abgesetzt hatte, aber wieder zurück musste. Dass sie das Gefühl hatten, dem Tod geweiht zu sein und sterben zu müssen. Aber wir haben auch über den Glauben gesprochen und dass trotz allem Schrecken auch viel Hoffnung und Vertrauen da ist: „Gott wird alles gut machen. Gott wird dem Krieg ein Ende machen.“

Was hat sich an Deinem Heimatgefühl durch die Kriegssituation noch mal verändert?

Ich fühle mich durch die schrecklichen Bilder noch mal tiefer mit den Menschen in der Ukraine verbunden. Die vielen schönen Begegnungen in den Städten wie Charkiw, die jetzt zerbombt sind, kommen mir vor Augen. Die erste Woche nach dem Einmarsch der russischen Truppen am 24. Februar habe ich nur vor dem Fernseher verbracht und ein Nachrichtenjournal nach dem anderen gesehen.

Die Ukraine ist für mich kein Punkt auf der Landkarte, sondern eben auch Heimat, ein Land, eine Kultur, die mir vertraut ist und mit ganz vielen Erinnerungen verknüpft ist. Zurück in Deutschland bin ich daher manchmal einfach in den ukrainischen Supermarkt nach Nürnberg gefahren. Denn dort roch es wie in der Ukraine und aus dem Lautsprecher kam ukrainische und russische Musik. Aufgrund der Kriegssituation habe ich jetzt die alten Kontakte wieder reaktiviert, um von den Menschen vor Ort zu erfahren, wie es wirklich ausschaut. Ich weiß zum Beispiel, dass es aktuell trotz der Belagerung Ortskundigen möglich ist, auf Nebenstrecken Hilfsgüter an den Russen vorbei in den Osten der Ukraine zu transportieren.

Ich war immer gegen den Wehrdienst, vor allem die Wehrpflicht, und auch gegen Aufrüstung und Waffenlieferungen. Aber ich kann mich gut in die Menschen dort hineinversetzen und nachvollziehen, dass viele in der Ukraine bleiben oder auch wieder dorthin zurückgehen, um für ihr Land zu kämpfen. Denn was ist die Alternative? Putin zu erlauben, sich einfach zu nehmen, was er will? Ich kann da nicht neutral sein – ich bin immer auf der Seite der Ukrainer und Ukrainerinnen.

Vielen Dank, Esther, für das Interview!

 

Info Russlanddeutsche: Als Russlanddeutsche werden die deutschstämmigen Auswandererfamilien bezeichnet, die von Katharina der Großen eingeladen wurden, die Krim und die Ukraine zu besiedeln. Sie kamen vor allem aus Württemberg, aber auch Bayern, und brachten ihren vom Pietismus geprägten christlichen Glauben mit. Sie gründeten Gemeinden und bauten Kirchen, wurden allerdings nach dem 2. Weltkrieg von Stalin enteignet und zum Großteil nach Sibirien deportiert. Im Zuge von Glasnost und Perestrojka wurde es ihnen möglich, nach Deutschland zurückzukehren.

Info Krim: Die Krim wurde 2014 von Russland annektiert. Sie war nach Auflösung der Sowjetunion als autonome Republik in der Ukraine verblieben. Ihre ursprünglichen Bewohner, die Krimtataren, sind ein turksprachige Ethnie muslimischen Glaubens. Weil sie teils gegen die russische Unterdrückung mit den Deutschen kollaborierten, wurden viele nach dem 2. Weltkrieg nach Sibirien deportiert. Bisher erkennen nur wenige Länder die Annexion der Krim an. Für die meisten Länder gehört die Krim nach wie vor zum Staatsgebiet der Ukraine.