Ziele der Evangelischen Erwachsenenbildung

von Dr. Wolfgang Schuhmacher

„Erwachsenenbildung dient den Individuen, den einzelnen Menschen zunehmend als Orientierungsmedium in der Pluralität von Lebensstilen und Wertorientierungen. Sie wird zur zentralen, relativ unverbindlichen Bindung in einem optionsoffenen Lebenskonzept. … Erwachsenenbildung begleitet und fördert ein Leben, das sich als selbstentworfene Biographie, als Projekt, versteht und sie profitiert davon.“ (Orientierung in zunehmender Orientierungslosigkeit. Evangelische Erwachsenenbildung in kirchlicher Trägerschaft. Eine Stellungnahme der Kammer der EKD für Bildung und Erziehung, Gütersloh 1997, S. 24)

Deshalb gilt als Ziel der Evangelischen Erwachsenenbildung:

„Sie will die Menschen bei ihrer Suche nach Orientierung und Lebenssinn, nach Selbst- und Weltaufklärung, nach Unterscheidungshilfen im ethischen und politischen Handeln und nach Wegen zur Bewältigung ihrer Probleme in der Welt von Arbeit und Freizeit, Ausbildung und Weiterbildung begleiten.“ (41)

Aus dem Leitbild der AEEB

Die AEEB stellt ihr Selbstverständnis mit dem folgenden Leitbild vor:
(Zum Vergrößern bitte Bild anklicken)

Leitbild EB AAEB
(Quelle: Homepage der AEEB)

Folgende Ziele der Ev. Erwachsenenbildung leite ich daraus ab:

  • Verantwortungsvolle Wahrnehmung der eigenen Freiheit.
  • Beteiligung an der Herstellung menschenwürdiger und naturerhaltender Lebensverhältnisse.
  • Ermöglichung sachgemäßer Urteilsbildung in Fragen der Lebensgestaltung (Orientierungswissen).
  • Förderung von ästhetischer Wahrnehmungs-, Ausdrucks- und Gestaltungsfähigkeit.
  • Entwicklung/Entfaltung der eigenen Person und Begabungen.
  • Förderung der Selbstreflexivität und des (gesellschafts-)kritischen Vermögens.
  • Entfaltung des eigenen Glaubens

 

 

Grundperspektiven einer Evangelischen Erwachsenenbildung

 von Dr. Wolfgang Schuhmacher

Lebenslang lernen

In den mehr als fünf Jahrzehnten meines Lebens haben sich die Welt um mich herum und ich mich fundamental verändert. War das Leben in meiner Kindheit Ende der fünfziger und Anfang der sechziger Jahre des vergangenen Jahrhunderts noch eher beschaulich, wurde es in den folgenden Jahrzehnten immer rasanter. In den frühen Jahren meines Lebens konnte ein Mensch noch mit einem einzigen erlernten Beruf sein Berufsleben verbringen. Mittlerweile sind Menschen nicht nur beruflich ständig als Lernende und sich Weiterbildende unterwegs. Die Halbwertszeit von Erlerntem ist in vielen Bereichen der beruflichen wie auch privaten Alltagswelt enorm.
Galten in früheren Jahren Menschen alleine schon wegen ihrer großen Lebenserfahrung für viele andere als Leuchttürme der eigenen Lebensorientierung, braucht es heute bei weitem mehr. Der Mensch heute sieht sich dauerhaft als ein Lernender, weil er sonst nicht mit den vielfältigen Entwicklungen in Gesellschaft, Beruf und Technik mithalten kann, überholt wird oder gar in der Vergangenheit stecken bleibt.
Bei allen Herausforderungen, vor die einzelne so täglich gestellt werden, besteht dabei leicht die Gefahr, dass der Mensch nur noch auf eine mechanisch funktionierende Lernmaschine reduziert wird.

Bildung: mehr als Nützlichkeits-Lernen

Hier setzt Bildung, so wie ich sie verstehe, einen fundamentalen Gegenpunkt gegen ein reines zweckoptimierendes lebenslanges Lernen, das nur darauf abzielt, den Anschluss in der Gesellschaft nicht zu verpassen.
„Bildung zielt auf die Wahrnehmung und Gestaltung der eigenen Freiheit und Humanität, also auf Lebenskunst und Lebensstil. Der ganze Mensch soll sich in seinen Lebensmöglichkeiten frei entfalten können. Und dabei die Freiheit der anderen achten, ein gemeinschaftsgerechtes und naturbewahrendes Lebensprofil entwickeln und mit seiner Endlichkeit und Fehlbarkeit verantwortlich umgehen.“ (Peter Bubmann)
So verstandene Bildung zielt immer auf den ganzen Menschen in seiner Vielschichtigkeit und möchte ihn nicht von vorneherein für irgendwelche Ziele verzwecken.

Ebenbild – Einbildung – Umbildung: Persönlichkeitsbildung

„Solche Bildung beginnt mit Vertrauen und unbedingter Anerkennung, nicht mit Leistungserwartungen. Denn das Bewusstsein der eigenen Freiheit und Würde wird geweckt durch die, die mir ihre Liebe schenken. In solcher Zuwendung wirkt Gott selbst. Als seine Ebenbilder sind wir zur Bildung berufen. Deshalb ist christliche Lebenskunst zugleich „Gotteskunst“: die Fähigkeit, Gottes Kraft und Geist wahrzunehmen und sich von ihm leiten zu lassen. Dazu gehören Ein-Bildungen, Träume und Visionen gelingenden Lebens. Und die Kunst des Innehaltens, der Neu- und Um-Bildung, politisch wie spirituell: Strukturen der Ungerechtigkeit werden aufgebrochen, Kreisläufe der Schuld gesprengt. Das verkrümmte Ich atmet durch und richtet sich auf. Neue Horizonte werden sichtbar.“ (Peter Bubmann)
Ein Mensch, der in dieser Weise Bildung erfährt, erkennt und versteht sich als ein Subjekt, das seine ihm geschenkten Begabungen entdeckt, fördert und mit anderen teilen möchte.

Aufgabe evangelischer Erwachsenenbildung

Hier sehe ich die große Chance einer evangelisch verstandenen Erwachsenenbildung: Weil sie um die Würde und Stärke der einzelnen wissen, begegnen sich in ihr Lehrende wie Lernende als mündige Partnerinnen und mündige Partner auf Augenhöhe. Evangelische Erwachsenenbildung lässt sich auf gemeinsame Lernprozesse ein. Sie versteht sich dabei als Katalysator, in dem sie Räume öffnet, die eine Beschäftigung und kritische Auseinandersetzung mit den verschiedensten Ebenen des eigenen Menschseins und den vielfältigen Fragen und äußerst komplexen Situationen heutiger Wirklichkeit ermöglichen.